Portishead. Und mehr

Ich stehe auf dem Boden des KüçükÇiftlik Parkes, einem Open-Air Konzertplatz. Vorne auf der Bühne spielen Portishead. Die Menge rauscht mit den Liedern im Gleichklang. Vor noch einer Stunde saß ich gemütlich mit einer Freundin bei einem Glas Bier auf der Terrasse einer Bar bei Taksim und wir redeten über das Sich-Eingewöhnen, das Sich-Fremd-Fühlen, ob nun hier oder in Deutschland oder Frankreich,  wo sie herkommt. Dann der Anruf meines Freundes. Er hat Karten. Ob ich es in einer halben Stunde zum Treffpunkt schaffe. Von dort in zehn Minuten zur Konzert-Area. Ich schaffe es.

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Und hier stehen wir. Betäubt von dem Bass, der durch die Boxen dringt und den Lichtern und Farben der Videoinstellation. Die warme Spätsommerluft Istanbuls ummantelt uns. Es ist ein Moment des stillen Glücks, auch wenn der Gesang der Sängerin über der Menge schwebt, um uns herum die Leute mitsingen und der Beat unsere Bauchwände zittern lässt. Diese absolute Spontanität lässt mich den Moment neu wahrnehmen. Nichts war geplant. Die Karten wurden durch Zufall noch frei und so stehen wir jetzt hier. Und es ist tatsächlich irgendwie still um mich. Denn meine Füße sind fest auf diesem Boden, ebendiesem Stückchen Erde. Ohne zu wissen, dass sie dort landen würden. Und damit nehmen sie das Profil des Bodens, die Luft, den Geruch, die Geräusche, die Atmosphäre anders wahr. Wie im Auge des Sturms ganz tief verwurzelt zu sein.
Das habe ich schon oft erlebt hier. Man weiß nie, wo und wie der Tag enden wird. Überraschungen gibt es am laufenden Band. Ob nun guter oder schlechter Natur. Aber sie lassen einen den eigenen Atem tiefer spüren.
Portishead stimmt zu einer weiteren Performance an. Diesmal werden auf der riesigen Leinwand hinter ihnen Bilder des Gezi-Protestes im Sommer letzten Jahres gezeigt. Bilder, die sich in die Köpfe der Menschen eingeprägt haben und zu Symbolen der Demonstrationen wurden: Ein Mann, der mit Gasmaske durch eine nächtlliche Straße läuft, die von Tränengas benebelt ist wie der morgentliche Nebel in einem schlechten Horrorfilm. Menschen, die auf dem Taksim-Platz tanzen.
Nach der Performance stimmen die Leute den Ruf “Her Yer Taksim, Her Yer Direniş” an, “Überall ist Taksim, überall ist Widerstand”.

Ein Überbleibsel, eine Erinnerung an das, was vor einem Jahr geschah. Die meisten Besucher dieses Konzertes sind säkulare, eher wohlhabende Istanbuler um die dreißig, die sich, auch musikalisch dem Westen zugewandt haben. Solche Veranstaltungen sind da auch ein bisschen Treffpunkte von Gleichgesinnten, so ist mein Gefühl. Das nächste Lied wird angestimmt und sofort geht es weiter. Das war nur ein Ausschnitt, ein kleiner Ausdruck dessen, was das Land unterschwellig auch weiterhin packt und gefesselt hält.

Nach dem Konzert laufen wir durch die leerer werdenden Straßen nach Hause. Ein weiterer Tag ist vergangen. Wieder so viele Gedanken in meinem Kopf, das sie für die nächsten zwei Wochen ausreichen würden. Aber es geht weiter.

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